2001 - DER TRAUM VOM PERFEKTEN GRÜN

Auszüge Pressebericht GEO Ausgabe August 2001

Wohl fast jeder der 28 Mio. Gartenbesitzer in Deutschland düngt, gießt und vertikutiert regelmäßig eine aus Süßgräsern bestehende Pflanzendecke, die er durch regelmäßigen Schnitt kurz hält - seinen Rasen. Und jeder wünscht sich, sein Freiluftteppich möge noch etwas grüner, noch etwas dichter, noch etwas gleichmäßiger sein.

Andreas Wenderoth und Heiner Müller-Eisner berichten von einer deutschen Obsession.

An den Ausläufern des Bayerischen Waldes, zwischen Feldern und Gehöften, liegt die Saatzucht Steinach mit 70 Mitarbeitern - einer von insgesamt drei Gräserzuchtbetrieben in Deutschland. Hier wurde Mitte der fünfziger Jahre mit der Rotschwingelsorte “Rasengold" durch Kreuzung von Wildgräsern die erste deutsche Rasensorte überhaupt geschaffen. Bis dahin bestand “Rasen" ausschließlich aus Futtergräsern und wurde erzeugt, indem man Pflanzenreste vom Heuboden auf der Erde verstreute.

Vor fünf Jahren entstand in der Saatzucht Steinach „Lorettanova". bis heute eine der höchstwertigen deutschen Züchtungen des Weidelgrases, einer schnell keimenden und äußerst strapazierfähigen Grasart.

Auch der Horstrotschwingel-Zierrasen „Silk" aus dem Hause Steinach gilt als beispielhaft:
Rotschwingel ist die Art mit den feinsten Blättern und zugleich sehr dichter Narbe.

In einem Gewächshaus lagert “Infektionsmaterial": Gräser, die künstlich mit Schneeschimmel oder Rostpilzen infiziert wurden. ”In der Züchtung versuchen wir alles krank zu machen, um die Sorten zu finden, die trotzdem noch ansprechend aussehen", sagt Dr. Fred Eickmeyer. der Saatzuchtleiter. Die Kunst ist es, die Schwächen der Arten durch Züchtung zu mildem, und durch gezielte Mischung zu kompensieren." Die meiste Zeit vergeht mit Zuschauen. Nach zwei bis drei Jahren der Einzelpflanzen- beobachtung wird „zwischenvermehrt", werden zwei bis 20 Pflanzen zu einer Bestäubungsgruppe zusammengestellt, um die Menge des Saatgutes zu erhöhen.

Danach studieren die Züchter drei bis vier Jahre lang die Entwicklung auf der Rasenparzelle. Dann fällt die Entscheidung: „Hochvermehren oder weg?"

Acht bis zehn Jahre vergehen bis zur Anmeldung beim Bundessortenamt. Dort wird drei Jahre durch Vergleichsanbauten geprüft, ob es sich tatsächlich um eine neue Sorte handelt. Es dauert also rund 15 Jahre, ehe eine neue Sorte in den Handel gelangt. “Zu oft sollte man den Betrieb nicht wechseln, sonst fehlt das Erfolgserlebnis", meint Eickmeyer.

Jährlich werden weltweit rund 100 neue Rasensorten entwickelt -etwa zwei bis drei davon in Steinach. „Wir arbeiten zurzeit an zwei neuen deutschen Weidelgras-Stämmen, die schwachwüchsiger sind als Lorettanova, zugleich aber eine noch größere Narbendichte haben werden", sagt Eickmeyer. Die neuen Gräser sollen statt mit 90.000 Trieben pro Quadratmeter mit bis zu 110.000 aufwarten.

Die Aufnahme in die Sortenlisten, in denen die Gräser nach verschiedenen Kriterien („Wüchsigkeit",”Verunkrautung", “Narbendichte") mit Punkten von 1 bis 9 bewertet werden, kostet jährlich 500 bis 1000 Mark. „Dabei kann es passieren, dass Sie zufällig genau dort landen, wo andere Züchter schon vor fünf Jahren waren." Meist meldet man drei Sorten an, um die Chance zu erhöhen, wenigstens eine Sorte durchzubringen. Auch wenn die Prozesse lange dauern, sagt Dr. Eickmeyer, sei es in gewisser Weise doch: „eine Art Wettrennen".

...Drei von vier Gartenbesitzern sind unzufrieden mit ihrem Rasen. Bei Dr. Heinz Schulz, akademischer Direktor am Institut für Pflanzenbau der Universität Stuttgart-Hohenheim, laufen mehrmals in der Woche Faxe ein, in denen verzweifelte Gartenbesitzer fragen, wie sie einen schönen Rasen bekommen könnten. „Was haben Sie für Ansprüche?", fragt Dr. Schulz dann stets. Und: „Was sind Sie bereit, für den Rasen zu tun?"

Wenn dann von vielen Kindern oder einem Hund die Rede sei, könne er nicht zu einem Zierrasen raten, der zwar optisch höchste Ansprüche befriedige, aber nicht sehr belastbar sei.

Häufig redeten die Leute davon, ihr Rasen sei krank, dabei fehlten nur Nährstoffe: „Ein Rasen hat höhere Nährstoffansprüche als andere Kräuter!" Und unter Nadelbäumen könne man die Sache ganz vergessen. Saugen die Nährstoffe weg. Manchmal helfen schattenresistentere Sorten, etwa „Poa supina". Verträgt 50 Prozent Beschattung -„doch bei weniger Licht bildet auch sie keine Seitentriebe mehr". Besteht der Anrufer darauf, einen Rasen wie auf dem Golfplatz zu haben, sagt Dr. Schulz: „Kein Problem. Sie müssen ihn nur ein-bis zweimal am Tag mähen und fünf- bis zehnmal düngen." Aber meistens hat er den Elan des Fragenden dann bereits gebrochen.

Dr. Schulz weist auch gern darauf hin, dass dieselben Hormone Blüten wie auch Seitentriebe ausbilden. „Da die Menge an Hormonen nun mal begrenzt ist, kann die Pflanze, wenn sie blüht, nicht treiben." Deshalb sei das regelmäßige Mähen so wichtig. Durch den Schnitt müssen die Gräser notgedrungen Seitentriebe bilden. Erst dadurch werde der Rasen „dicht".

In einem Gartencenter im Münsterland passiert ein Mann mit silbergrauem Vollbart, grünem Jackett und schmaler Metallbrille schnellen Schrittes die Gießkannen-Abteilung, lässt Kunstbrunnen und Gartenzwerge gänzlich unbeachtet und strebt zielgerichtet den Regalen im hinteren Teil des Raumes entgegen.

Hier, vor den losen Rasenmischungen, mustert er die Etiketten, überprüft Angaben anhand eines Buches mit der Aufschrift „Regelsaatgutmischungen", schüttelt hin und wieder den Kopf und sagt wahlweise „interessant" oder „Schrottmischung". Meistens Schrottmischung. Es ist der Präsident der deutschen Rasengesellschaft, Dr. Klaus Müller-Beck. der hier beim store check zuweilen vernichtende Urteile fällt. Zwölf Mark kostet das Kilo lose Mischung „Zierrasen RSM 3.2". Dr. Müller-Beck schäumt: „Dies ist mitnichten ein Zierrasen, sondern ein Sportrasen, und zwar nicht erst seit diesem Jahr!" Mit 35 Prozent Weidelgras enthält er nämlich genau die Sorte, die keinen Tief-schnitt verträgt. In der Nachbarmischung, die eine extrem belastungsfähige Grasnarbe verspricht, entdeckt er zu 75 Prozent landwirtschaftliche Gräser, die für Futterzwecke geeignet sind, nicht aber für strapazierfähigen Rasen.


“Totaler Scheiß", sagt Dr. Müller-Beck und entschuldigt sich anschließend, weil er ein höflicher Mensch ist, für das unfeine Wort.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts ist die Etablierung strapazierfähiger Rasenflächen eine Art sportive Erfordernis. Die neuen Freizeitfetische Fußball, Tennis, Pferdesport und Golf sind rasengestützt. Anders als die feinblättrigen Zierrasengräser muss der Sportrasen extrem regenerationsfähig sein, um Verletzungen durch Stollen, Pferdehufe oder dauerhaften Tritt zu verkraften. Je kleiner der Ball ist, desto geringer muss auch der Rollwiderstand sein. In gewisser Weise sorgt der Golfsport also für die Apotheose des Rasens.

Der 49-jährige Alois Tremmel gehört zum kleinen Kreis der elf geprüften Head-Greenkeeper in Deutschland. Tremmel, zuständig für den Golfplatz in Bad Wiessee, ist 1.93 Meter groß, hat tiefblaue Augen und einen überaus kräftigen Händedruck. Seit Tremmel sich mit dem Rasen befasst, seit er sich mit ihm in gewisser Weise geistig verbunden hat, seit 30 Jahren also, war Tremmel nie mehr krank. „Kein Schnupfen, kein gar nichts." Die andere Welt interessiert ihn nicht. Ein Fernsehgerät hat er nicht. In die Zeitung schaut er nur für den Wetterbericht. ”Ist es nicht schön?", sagt Tremmel, den Rasen abschreitend, und geht plötzlich auf die Knie: “Ich verneige mich vor den Gräsern."

Mit ihnen sei es einfacher als mit den Menschen, sagt Tremmel. „Die Menschen sagen so, aber machen tun sie's so." Doch die Gräser, „die bescheißen nicht, die haben keine Hintergedanken." Tut man ihnen Gutes, danken sie es. Und war man nicht freundlich zu ihnen, spürt man es auch. „Die Gräser", sagt Tremmel, „die sind ehrlich."